STRÜNKEDER HAFEN

Mit dem Ausbau des Rhein-Herne-Kanals entstand zwischen Herne und Bruch / Recklinghausen-Süd ein neuer Hafen. Er wurde 1915 in Betrieb genommen und zunächst als Strünkeder Hafen bezeichnet. Eine Anlegestelle gab es in Form einer Aufweitung des Kanalquerschnitts auf der Südseite des Kanals. Auf der Nordseite des Kanals wurde ein Wendebecken mit Umschlagmöglichkeiten auf der West- und Ostseite angelegt.

Die hier als Beitragsbild gezeigte, von Cramers Kunstanstalt in Dortmund verlegte Postkarte zeigt den Strünkeder Hafen und die neue Kanalbrücke kurz nach der Eröffnung (Sammlung Ludwig Schönefeld).

Vermutlich erhielt der neue Hafen von Anfang an ein von der Straßenbahn Herne – Recklinghausen ausgehendes Anschlußgleis für den Straßenbahngüterverkehr: In einer extremen Ausschnittvergrößerung ist auf der Postkarte von 1917 ein Straßenbahnwagen im Bereich des westlichen Umschlagplatzes zu erkennen:

  • Ganz rechts im Bild ist die Verladestelle der Straßenbahn Herne - Recklinghausen zu sehen.
    Verlag Cramers Kunstanstalt, Dortmund - Sammlung Ludwig Schönefeld

Ein weiteres Bilddokument des Straßenbahngüterverkehrs der Straßenbahn Herne – Recklinghausen ist eine am 28. Mai 1918 im Betriebshof entstandene Aufnahme von Joseph Schäfer. Sie ist im Bildarchiv des LWL-Medienzentrums für Westfalen erhalten und darf hier aus Urheberrechtsgründen nicht eingebunden werden.

KOHLE, BAUSTOFFE UND LEBENSMITTEL

Auf der Aufnahme von Joseph Schäfer hängt hinter dem Straßenbahntriebwagen ein mit Kohle beladener Güterwagen. Dabei handelte es sich vermutlich um Hausbrandkohle: Die betriebseigene Kraftstation hatte man bereits 1910 aufgegeben. Vorausgegangen war am 1. November 1909 der Abschluß von Vereinbarungen mit den Elektrizitätwerken der Städte Herne und Recklinghausen, die nunmehr den Bahnstrom lieferten. Dadurch konnten rund 10 Prozent der Stromkosten eingespart werden.

Neben Hausbrandkohle wurden vor allem Baustoffe und Lebensmittel mit der Straßenbahn transportiert. Dabei nutzten auch „Güterzüge“ der Vestischen Kleinbahnen die Trasse der Straßenbahn Herne – Recklinghausen zum Strünkeder Hafen. Die Tageshöchstleistung des „vestischen“ Güterverkehrs lag 1924 bei 60 Tonnen.

Bekannt sind Transporte für die Ziegeleien Gertz und Tillmann in Datteln, Kohle- und Baustofftransporte für die Zeche Emscher-Lippe und Schlackentransporte für die Zeche Brassert. Inwieweit der Hafen bei diesen Transporte eine Rolle spielte, ist offen.

ÜBERNAHME DES HAFENS DURCH RECKLINGHAUSEN

Mit der Kommunalreform von 1926 wurde die Stadtgrenze zwischen Recklinghausen und Herne nach Süden verschoben. Dadurch fielen rund 450 Meter des nördlichen Kanalufers sowie das Wendebecken am Rhein-Herne-Kanal der Stadt Recklinghausen zu. Die zwei Umschlagstellen werden seither als „Stadthafen Recklinghausen“ bezeichnet. Der Hafen selbst blieb für das Ruhrgebiet weitgehend ohne Bedeutung.

Die Ladestelle der Straßenbahn wurde vermutlich bis in die 1950er-Jahre hinein genutzt. Belegt ist, dass die Straßenbahn 1944 zur Unterstützung des Bunkerbaus herangezogen wurde. Sie übernahm damals den Transport von Kies, Zement und Ziegelsteinen.

Auf den vom Regionalverband Ruhrgebiet (RVR) betreuten historischen Luftbildern ist aus der Zeit zwischen 1925 und 1930 ein Luftbild erhalten, auf dem am Ende des Ladegleises ein Straßenbahnfahrzeug zu erkennen ist. Möglicherweise handelte es sich dabei um die 1924 von der Westfälischen Straßenbahn GmbH gekaufte „Zugmaschine“. Die Straßenbahn Herne – Recklinghausen setzte das Fahrzeug unter der Nummer 101 ein. Nach ihrer Übernahme durch die Vestischen Kleinbahnen wurde die Zugmaschine mit ihrer neuen Nummer 1001 zum Betriebshof Bottrop versetzt. 1976 wurde sie ausgemustert.

Auf den Luftaufnahmen aus den 1920er-Jahren sind auch die Masten der Oberleitung zum Stadthafen gut zu erkennen. Auf der vermutlich vom selben Flug stammenden Luftaufnahme des Betriebshofes in Recklinghausen-Süd erkennt man mit geschultem Auge zwei abgestellte offene Güterwagen. In den Anfang der 1950er-Jahre erstellten Luftbilder zeichnet sich der Gleisanschluss noch als heller Schatten ab. Auch die Oberleitungsmasten sind rechts davon noch vorhanden.

Bislang nicht bekannt ist, wann der Gleisanschluss der Straßenbahn zum Stadthafen Recklinghausen endgültig aufgegeben wurde. Die Anlegestellen und das Wendebecken sind heute ein Ort der Naherholung – mit Gastronomie und neu angelegten Terrassen. Ein stillgelegter Brückenkran erinnert als historisches Relikt an die einstige Funktion der Anlage.

  • In den 1920er-Jahren wurde die von der Westfälischen Straßenbahn stammende Lok eingesetzt.
    © RVR – 1925 - 1930 – dl-de/by-2-0

UMFANGREICHER FAHRZEUGPARK

Für den Gütertransport standen im Vestischen Netz von den Anfängen bis zum Zweiten Weltkrieg insgesamt 27 Güterwagen zur Verfügung. Speziell für den Güterverkehr vorgesehen waren drei Zugmaschinen der Vestischen Kleinbahnen (spätere Nummern 1003 bis 1005) sowie die bauartgleiche, ehemals „westfälische“ Zugmaschine der Straßenbahn Herne – Recklinghausen (Nummer 1001). Darüber hinaus hatte man 1925 die Triebwagen 7 und 9 aus der Anfangszeit der Straßenbahn von Wanne nach Recklinghausen zu den Gütertriebwagen 1008 und 1009 umgebaut.

Mit der Übernahme der Straßenbahn Herne – Recklinghausen kamen 1939 vermutlich acht Güterwagen (Nummer 274 bis 281) in den Bestand der Vestischen Kleinbahnen. Wieviele Güterwagen es ursprünglich bei der Straßenbahn Herne – Recklinghausen gab, ist nicht genau bekannt.

1944 wurden fünf Güterwagen fabrikneu von der Waggonfabrik Rastatt beschafft (Nummer 560 bis 564). Aus dieser Serie ist ein Fahrzeug (Nummer 560) bis heute beim Verein Bergische Museumsbahnen e. V. erhalten.

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