STRÜNKEDER HAFEN

Mit dem Bau des Rhein-Herne-Kanals in den Jahren 1906 bis 1914 wurde das Stadtbild im Bereich der Stadtgrenze zwischen Herne und Recklinghausen erheblich verändert. Zur Querung des neuen Kanals wurde im Frühjahr 1911 eine neue Brücke gebaut. Auch die im Norden anschließende Emscherbrücke wurde erneuert. Eine zusätzliche Ausweiche „Wirtshaus Beckmann“ gab der Straßenbahn Herne – Recklinghausen die notwendige Flexibilität, um Wartezeiten und Fahrplanverschiebungen während der Bauarbeiten auszugleichen.

Mit dem Kanal entstand zwischen Herne und Bruch / Recklinghausen-Süd auch ein neuer Hafen. Er wurde 1915 in Betrieb genommen und als Strünkeder Hafen bezeichnet. Eine Anlegestelle gab es in Form einer Aufweitung des Kanalquerschnitts auf der Südseite des Kanals. Auf der Nordseite des Kanals wurde ein Wendebecken mit Umschlagmöglichkeiten auf der West- und Ostseite angelegt.

Die hier als Beitragsbild gezeigte, von Cramers Kunstanstalt in Dortmund verlegte Postkarte zeigt den Strünkeder Hafen und die neue Kanalbrücke (Verlag Cramers Kunstanstalt, Dortmund – Sammlung Ludwig Schönefeld).

Vermutlich bereits 1917 erhielt der neue Hafen ein von der Straßenbahn Herne – Recklinghausen ausgehendes Anschlussgleis für den Straßenbahngüterverkehr. Im Juli 1918 wurde die genaue Gleislage in entsprechenden Plänen dokumentiert, am 8. November 1918 wurde die Gleisanlage, die aus einem sogenannten „Krangleis“ und einem als Umschlagplatz nutzbaren Gleisstumpf bestand, offiziell von der Genehmigungsbehörde abgenommen.

Auf der nachfolgenden Ausschnittvergrößerung ist ein Straßenbahnwagen auf dem Krangleis und somit im Bereich der westlichen Kaimauer des Hafens zu erkennen:

  • Ganz rechts im Bild ist die Verladestelle der Straßenbahn Herne - Recklinghausen zu sehen.
    Verlag Cramers Kunstanstalt, Dortmund - Sammlung Ludwig Schönefeld

Ein weiteres Bilddokument des Straßenbahngüterverkehrs der Straßenbahn Herne – Recklinghausen ist eine am 28. Mai 1918 im Betriebshof entstandene Aufnahme von Joseph Schäfer. Sie ist im Bildarchiv des LWL-Medienzentrums für Westfalen erhalten und darf hier aus Urheberrechtsgründen nicht eingebunden werden.

KOHLE, BAUSTOFFE UND LEBENSMITTEL

Auf der Aufnahme von Joseph Schäfer hängt hinter dem Straßenbahntriebwagen ein mit Kohle beladener Güterwagen. Dabei handelte es sich vermutlich um Hausbrandkohle: Die betriebseigene Kraftstation hatte man bereits 1910 aufgegeben. Vorausgegangen war am 1. November 1909 der Abschluss von Vereinbarungen mit den Elektrizitätswerken der Städte Herne und Recklinghausen, die nunmehr den Bahnstrom lieferten. Dadurch konnten rund 10 Prozent der Stromkosten eingespart werden.

Neben Hausbrandkohle wurden vor allem Baustoffe und Lebensmittel mit der Straßenbahn transportiert. Dabei nutzten auch „Güterzüge“ der Vestischen Kleinbahnen die Trasse der Straßenbahn Herne – Recklinghausen zum Strünkeder Hafen. Die Tageshöchstleistung des vestischen Güterverkehrs lag 1924 bei 60 Tonnen. Bekannt sind Transporte für die Ziegeleien Gertz und Tillmann in Datteln, Kohle- und Baustofftransporte für die Zeche Emscher-Lippe und Schlackentransporte für die Zeche Brassert. Inwieweit der Hafen bei diesen Transporten eine Rolle spielte, ist offen.

BAUVORHABEN DES SIEDLUNGSVERBANDES

Vor allem bei kommunalen Bauvorhaben nutzte man die Kapazitäten der Straßenbahn: So wurde das Baumaterial für die in den Jahren 1925 bis 1927 in Recklinghausen-Süd angelegte Körnerstraße (heute Theodor-Körner-Straße) über ein rund 300 Meter langes Anschlussgleis von der Bochumer Straße an die Baustelle gefahren, die sich zwischen der Feldstraße und der Straße Am Reitwinkel befand.

Das Anschlussgleis „Körnerstraße“ war vom 20. April 1925 an in Betrieb. Nach dem Abschluss des Straßenbaus wurde es wieder demontiert.

Der Bau der Körnerstraße stand im Kontext der großräumig angelegten Verkehrsplanung des Siedlungsverbandes Ruhrkohlenbezirk (SVR). Als leistungsfähige Tangentialverbindung sollte sie von der Marienstraße in Röllinghausen querfeldein zur Bochumer Straße und von dort zum Bahnhof Recklinghausen-Süd führen. Der vor allem von Übergabezügen der Zeche Recklinghausen genutzte Bahnhof sollte zu einem neuen Zentralbahnhof für Recklinghausen an der zuvor vernachlässigten Süd-Nord-Achse ausgebaut werden.

Der Anschluss der Körnerstraße an die geplante Schnellstraße NS VII sollte mittels einer neuen Eisenbahnüberführung hergestellt werden. Bis auf die völlig überdimensionierte Körnerstraße zwischen der Bochumer Straße und dem Zechenbahnhof bleiben gleichwohl alle Pläne Ende der 1920er-Jahre unvollendet. Erst in den 1960er-Jahren wurde der Anschluss der Theodor-Körner-Straße an die NS VII / A 43 hergestellt.

ÜBERNAHME DES HAFENS DURCH DIE STADT RECKLINGHAUSEN

Mit der Kommunalreform von 1926 wurde die Stadtgrenze zwischen Recklinghausen und Herne nach Süden verschoben. Dadurch fielen rund 450 Meter des nördlichen Kanalufers sowie das Wendebecken am Rhein-Herne-Kanal an die Stadt Recklinghausen. Die zwei Umschlagstellen werden seither als „Stadthafen Recklinghausen“ bezeichnet.

Das Ladegleis der Straßenbahn blieb bestehen. Erneut genutzt wurde es 1927 im Zusammenhang mit dem Bau eines neuen Umspannwerkes durch die Vereinigten Elektrizitätswerke Westfalen (VEW) in Recklinghausen-Süd. Für den Transport von Baumaterial und Maschinen hatte man auch zu dieser Baustelle ein Anschlussgleis für den Straßenbahngüterverkehr verlegt. Das am 21. September 1927 abgenommene Baugleis zweigte kurz hinter der Straßenzufahrt des Umspannwerkes vom nach Norden führenden Richtungsgleis der inzwischen zweigleisig ausgebauten Straßenbahnstrecke ab. Es bestand bis 1941.

Die Ladestelle der Straßenbahn am Hafen wurde vermutlich bis in die 1950er-Jahre hinein genutzt. Überliefert ist, dass die Straßenbahn 1944 zur Unterstützung des Bunkerbaus herangezogen wurde. Sie übernahm damals den Transport von Kies, Zement und Ziegelsteinen.

Auf den vom Regionalverband Ruhrgebiet (RVR) betreuten historischen Luftbildern ist aus der Zeit zwischen 1925 und 1930 ein Luftbild erhalten, auf dem am Ende des Ladegleises ein Straßenbahnfahrzeug zu erkennen ist. Möglicherweise handelte es sich dabei um die 1924 von der Westfälischen Straßenbahn GmbH gekaufte „Zugmaschine“. Die Straßenbahn Herne – Recklinghausen setzte das Fahrzeug unter der Nummer 101 ein. Nach ihrer Übernahme durch die Vestischen Kleinbahnen wurde die Zugmaschine mit ihrer neuen Nummer 1001 zum Betriebshof Bottrop versetzt. 1976 wurde sie ausgemustert.

Auf den Luftaufnahmen aus den 1920er-Jahren sind auch die Masten der Oberleitung zum Stadthafen gut zu erkennen. Auf der vermutlich vom selben Flug stammenden Luftaufnahme des Betriebshofes in Recklinghausen-Süd erkennt man mit geschultem Auge zwei abgestellte offene Güterwagen. In den Anfang der 1950er-Jahre erstellten Luftbilder zeichnet sich der Gleisanschluss noch als heller Schatten ab. Auch die Oberleitungsmasten sind rechts davon noch vorhanden.

Bislang nicht bekannt ist, wann der Gleisanschluss der Straßenbahn zum Stadthafen Recklinghausen endgültig aufgegeben wurde. Die Anlegestellen und das Wendebecken sind heute ein Ort der Naherholung – mit Gastronomie und neu angelegten Terrassen. Ein stillgelegter Brückenkran erinnert als historisches Relikt an die einstige Funktion der Anlage.

  • In den 1920er-Jahren wurde die von der Westfälischen Straßenbahn stammende Lok eingesetzt.
    © RVR – 1925 - 1930 – dl-de/by-2-0

UMFANGREICHER FAHRZEUGPARK

Für den Gütertransport standen im Vestischen Netz von den Anfängen bis zum Zweiten Weltkrieg insgesamt 27 Güterwagen zur Verfügung. Speziell für den Güterverkehr vorgesehen waren drei Zugmaschinen der Vestischen Kleinbahnen (spätere Nummern 1003 bis 1005) sowie die bauartgleiche, ehemals „westfälische“ Zugmaschine der Straßenbahn Herne – Recklinghausen (Nummer 1001). Darüber hinaus hatte man 1925 die Triebwagen 7 und 9 aus der Anfangszeit der Straßenbahn von Wanne nach Recklinghausen zu den Gütertriebwagen 1008 und 1009 umgebaut.

Mit der Übernahme der Straßenbahn Herne – Recklinghausen kamen 1939 vermutlich acht Güterwagen (Nummer 274 bis 281) in den Bestand der Vestischen Kleinbahnen. Wie viele Güterwagen es ursprünglich bei der Straßenbahn Herne – Recklinghausen gab, ist nicht genau bekannt.

1944 wurden fünf Güterwagen fabrikneu von der Waggonfabrik Rastatt beschafft (Nummer 560 bis 564). Aus dieser Serie ist ein Fahrzeug (Nummer 560) bis heute beim Verein Bergische Museumsbahnen e. V. erhalten.